„Florida Project“: Sean Baker zeigt Elend voller Energie

Regisseur Sean Baker zeigt in seinen Filmen, was die Gesellschaft gerade verlernt: Mitgefühl für soziale Außenseiter und Arme. In „Florida Project“ erzählt er davon, wie das auch noch Spaß machen kann.

Siegfried Bendix: Sean Baker, Sie arbeiten gerne mit Laiendarstellern. In „Florida Project“ treffen die Anfänger auf einen alten Hasen wie Willem Dafoe. Welchen Einfluss üben Profis auf Neulinge aus, und umgekehrt?

Sean Baker: Viele professionelle Schauspieler haben aus ihrer Erfahrung eine Methodik entwickelt, eine bestimmte Arbeitsweise. Laien haben das nicht. Somit geht von beiden ein bisschen etwas auf die anderen über – auch die erfahrenen Schauspielerinnen und Schauspieler lernen noch etwas dazu, und es ist wirklich aufregend, wenn man das nach so langer Zeit beobachten kann. Allerdings muss man dafür auch die richtigen Schauspielerhaben. Wenn jemand zu viel Attitüde hat, funktioniert das nicht.

Siegfried Bendix: Dabei scheint auch viel im Moment zu entstehen. Wieviel Raum lassen Sie für Improvisation?

Sean Baker: Ich mag es, am Set zu improvisieren, vor und hinter der Kamera. Nicht nur die Schauspieler improvisieren ihre Dialoge, auch ich improvisiere in meiner Regie. Ich bin immer zu mindestens 30 Prozent unvorbereitet, um diese sogenannten glücklichen Unfälle möglich zu machen. Es gibt zwar feste Dialogzeilen für alle Beteiligten, doch ich lasse die Schauspielerinnen gern vom Drehbuch abweichen und bin immer gespannt, was sich Neues daraus entwickelt. Außerdem sollen sich alle mit ihrer Situation wohlfühlen – und wenn sie etwas von sich selbst beitragen können, hilft das sehr.

 

Siegfried Bendix: Das gilt besonders für die Kinderdarsteller, die so natürlich agieren, als hätten sie vergessen, dass sie vor einer Kamera stehen.

Sean Baker: Ja. Es reicht eben nicht, unglaubliche Kinder mit tollen Fähigkeiten zu finden – am Wichtigsten ist, dass sie eine Chemie miteinander haben. Die meisten Kinder haben wir über ein offenes Casting vor Ort gefunden. Wir wollten unbedingt Kinder aus der Region um Orlando haben, in der auch der Film spielt, damit der Akzent stimmt und sie sich auf dem Heimweg sicher fühlen. Nur Hauptdarstellerin Brooklynn Prince hatte schon ein bisschen Erfahrung, und wir waren alle direkt begeistert von ihrem Scharfsinn, ihrer Niedlichkeit und Energie – obwohl sie so jung ist, versteht sie vollends, welche Kraft im Schauspielen liegt.

Florida Project von Sean Baker Foto © 2017 Filmverleih GmbH

Siegfried Bendix: Wenn Ihre Filme etwas verbindet, dann ist es Empathie für die Ausgegrenzten und Abgehängten.

Sean Baker: Der ganze Film dreht sich um Empathie. Die Zuschauer sollen nicht nur mit der sechsjährigen Moonee mitfühlen, sondern auch mit ihrer Mutter Hailey, selbst wenn sie mit ihren Erziehungsentscheidungen nicht einverstanden sind. Ich wusste vorher auch nichts über diese sogenannten unsichtbaren Wohnungslosen und habe im Vorfeld des Films genauso viel gelernt, wie ich mir das auch vom Publikum erhoffe. Und natürlich hatte es einen Einfluss, dass genau in der Zeit, in der wir den Film gedreht haben, Donald Trump sein Amt übernahm – viele seiner Entscheidungen, etwa Kürzungen in der Sozialversorgung, haben einen direkten Effekt auf die Menschen, von denen „Florida Project“ erzählt.

Florida Project Filmbild Foto © 2017 Prokino Filmverleih GmbH

Siegfried Bendix: Ebenso wichtig ist der Handlungsort: eine Motelanlage, die einst für Disney-World-Touristen erbaut wurde. Der Freizeitpark ist als größtmöglicher Gegenentwurf zu den ärmlichen Lebensbedingungen der Hauptfiguren immer präsent – doch der Zynismus, der darin liegt, überträgt sich nie auf den Tonfall Ihres Films.

Sean Baker: Wir sehen diese Welt ja aus der Perspektive eines Kindes, und in diesem Alter ist sich ein Mensch seiner Situation noch nicht in vollem Umfang bewusst. Da ist noch viel Hoffnung und Vorstellungskraft. Kids wollen vor allem Spaß haben – und deshalb wollte ich auch, dass der Film Spaß macht.

 

Sean Baker portrait Regisseur Sean Baker

Check-Brief
NAME Sean Baker
ALTER 47
MACHTE seinen Bachelor in Filmwissenschaft an der New York University
BERUF Regisseur, Kameramann, Autor, Produzent, Cutter
DREHTE Seinen letzten Film „Tangerine L.A.“ (2015) komplett mit dem iPhone 5.
NEUER FILM „Florida Project“ erzählt von der kleinen Moonee, die mit ihrer Mutter in einer heruntergekommenen Motelalange neben Disney World wohnt und die Welt zu ihrem Abenteuerspielplatz macht.

„Florida Project“ startet am 15. 3.  in den deutschen Kinos.

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