Miranda July: Mein lebhaftes Selbst

Die kleinen Filme der Allroundkünstlerin Miranda July sind ganz klar: große Kunst. In ihrer Gegenwart sollte man das aber lieber nicht erwähnen …

Volker Sievert: Miranda, zu Beginn deines Films sitzt das Pärchen Sophie und Jason auf der Couch und surft jeder für sich im Internet. Man spürt: Viel los ist zwischen den beiden nicht mehr. Beeinflussen Facebook, Google und Wikipedia unsere Beziehungen so stark?

Miranda July: Ich bin nicht sicher, ob Wikipedia uns schadet, eigentlich ist das doch cool. Wenn mir etwas zum Thema Technologie einfällt, dann: dass wir uns Gedanken darüber machen sollten, wie sie unser Leben verändert, wie wir leben, denken, fühlen. Es wäre ein Fehler, das einfach so hinzunehmen. Ich mache mir keine Sorgen über die Art, wie wir arbeiten. Eher darum, dass wir, wenn wir uns verloren fühlen, uns langweilig ist oder wir nicht wissen, was wir als nächstes machen sollen, immer auf unserer Handys gucken oder Facebook checken. All diese kleinen Räume, diese Risse im Tag füllen wir mit diesen Ablenkungen. Ich bin ziemlich sicher, dass Kunst und neue Ideen aus diesen Rissen und Räumen entstehen. So unangenehm sie also auch sind: Ich denke, wir brauchen sie. Ich selber will nicht immer online zu sein. Ich benutze Mac Freedom, wenn ich etwas schreibe, eine Software, die das Internet für eine Zeit abschaltet, die man selber einstellen kann. Ich fühle mich wirklich freier, wenn es abgeschaltet ist. Und doch freue ich mich riesig, wenn ich wieder online gehe.

Volker Sievert: Sophie, die du selbst spielst, und Jason kämpfen mit den Auswirkungen einer langjährigen Beziehung: Vertraulichkeit hat Leidenschaft ersetzt, Routine den Sex. Ist das der Preis, den jeder zahlt, der nicht alleine durchs Leben gehen will?

Miranda July: Du willst, dass ich verallgemeinere, und ich bin niemand, der verallgemeinert. In dieser speziellen Geschichte führt das Paar diese Art von Beziehung. Ich könnte eine genauso interessante Geschichte über ein Paar schreiben, das lebenslang eine romantische Liebe füreinander empfindet. Ich kann mich mit beidem identifizieren. Im echten Leben haben alle langjährigen Beziehungen Ebbe und Flut, Sex und Intimität entwickeln sich, kommen und gehen, verändern sich. Und genau das macht Beziehungen interessant. Aber in diesem Film geht es darum nicht, und ich versuche auch nie, total realistische Welten zu entwerfen.

Volker Sievert: Wie hält man denn Beziehungen am Leben, wenn alle Reviere abgesteckt, alle Eigenheiten des Partners bekannt und die meisten scharfen Kanten abgeschliffen sind?

Miranda July: Beide Beteiligte müssen als Individuum am Leben bleiben, interessiert an der Welt und an sich selbst. Und sie müssen dieser Lebendigkeit erlauben, Teil der Beziehung zu werden. Es ist verlockend, sein eigenes lebhaftes, aufregendes Selbst aus der Beziehung rauszuhalten, fast so, als wolle man die Beziehung dafür bestrafen, dass sie nicht brandneu ist. Wenn man nicht will, dass der Partner einen immer auf die bekannte Weise sieht, muss man wagemutig sein und sein ganzes Selbst offenbaren. Das mag das Boot ein wenig durchschütteln, aber es gehört zur Liebe dazu.

Volker Sievert: Irgendwie scheinen Sophie und Jason selbst gemeinsam alleine zu sein. Ist Einsamkeit in einer Beziehung normal?

Miranda July: Ich glaube nicht, dass Einsamkeit verschwindet, wenn man zusammen lebt. Man bringt sie mit, sie lebt tief in einem drin. Bei mir verschwand eine gewisse Faszination für Einsamkeit, als ich meinen Ehemann kennen lernte. Es ist nicht so, dass ich sie nicht mehr spüre, aber ich bin nicht mehr so daran interessiert wie früher.

Volker Sievert: Mit Mitte, Ende Dreißig kriecht einem diese Torschlusspanik in den Kopf: Lebst du das Leben, das du leben solltest? Solltest du nicht jemand ganz anderes sein? Du bist 38. Was antwortest du dieser Stimme?

Miranda July: Ich habe das bei vielen Freunden beobachtet. Besonders hart ist es für Frauen, weil die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, über Kreuz liegt mit anderen Plänen für die Zukunft. Eine meiner besten Freundinnen hat ihr Leben radikal geändert; das war sehr schmerzhaft, aber ich glaube, es geht ihr jetzt besser. Ich denke, man muss immerzu Prioritäten setzen und schauen, ob man nicht beständig Dinge tut, die man eigentlich nicht tun will. Aber selbst, wenn du deinen Job und die Beziehung kündigst – du bist immer noch da. Du und alle deine Gewohnheiten.

Volker Sievert: Um zu verhindern, dass Sophie von ihm wegdriftet, stoppt Jason die Zeit. Wie oft hast du dir gewünscht, das zu können?

Miranda July: Die Idee zu der Szene kam mir nach einer abrupten Trennung. In dem Moment, in dem ich das realisiert hatte, war ich so schockiert, dass die Zeit sich seltsam anfühlte; es schien fast, als könnte ich den Augenblick anhalten, in dem ich mich befand. Oder zumindest wollte ich das sehr. Im Nachhinein bin ich echt froh, dass ich’s nicht konnte. Denn es war eine furchtbare Beziehung, und obwohl mein Herz in dem Moment gebrochen war, kam ich ziemlich schnell darüber hinweg.

Volker Sievert: In ,The Future’ gibt es auch krabbelnde T-Shirts, einen sprechenden Mond, eine sprechende Katze oder ein Mädchen, das sich selbst begraben will. Ich hatte Schwierigkeiten, daran vorbei ans Herz der Geschichte zu kommen. Hast du nicht Angst, zu artsy fartsy rüberzukommen?

Miranda July: Was? Ihr Deutschen! Wie kann man so etwas nur zu einem Künstler sagen! Nein, ich habe überhaupt keine Angst, als ,artsy fartsy’ rüberzukommen. Diese Worte sind nicht einmal in meinem Vokabular, und auch du solltest sie nie wieder verwenden. Diese Elemente im Film sind das Herz der Geschichte, da braucht man nicht dran ,vorbei’ kommen! Dir mag das vielleicht nicht auffallen, aber das ist alles aus Notwendigkeit geboren, aus der Kraft der Einsamkeit. Ich benutze sie nicht, um zu zeigen, wie schräg die Welt ist – die entstehen, wenn der Schmerz eintritt. Sicher, man hätte die Trennungsszene auch anders machen können, so wo alle dann voll depri sind und rumheulen. Aber hast du das nicht schon Tausendmal gesehen? Ich habe versucht, präzise zu sein, was das Gefühl angeht, das Jason in dem Moment empfindet. Nur, weil etwas prosaisch oder ,realistisch’ ist, bedeutet das nicht, das es wahr ist oder gar richtig.

Volker Sievert: Wie viele von deinen Ängsten und Emotionen lässt du in deine Kunst einfließen?

Miranda July: Viele. Sie sind die Basis, der Ausgangspunkt für fast alles, was ich mache. Am interessantesten sind die Ängste und Emotionen, die ich nicht verstehe. Auf diese Art zu arbeiten ist beruhigend, es erlaubt mir, eine Unterhaltung mit meinem eigenen Unbewussten zu führen. Ich denke nicht, dass ich auf diese Weise zwangsläufig etwas behebe. Aber das ist auch nicht das Ziel.

Volker Sievert: ,The Future’ ist zum Teil vom Medienboard Berlin-Brandenburg finanziert. Hast du einen deutschen Lieblingsfilm?

Miranda July: Ich liebe Maren Ades ,Der Wald vor lauter Bäumen’. Es tut so weh, der Hauptfigur zuzusehen, man bringt sich mit ihr in Verbindung, obwohl man nicht will. Und es ist so großartig gespielt. Auch den Schluss liebe ich, ein kühner Sprung ins Surreale. Dir würde er wahrscheinlich nicht gefallen – er ist nicht völlig realistisch.

Checkbrief
NAME: Miranda July
BERUF: Regisseurin, Schauspielerin, Schriftstellerin, Künstlerin
GEBOREN: 15. Februar 1974 in Washington County, Vermont
LEBT: in Los Angeles
IST: Feministin auf die „komplexeste, interessanteste, aufregendste Weise“
VERHEIRATET MIT: Mike Mills, Musikvideo- und Filmregisseur („Beginners“ mit Ewan McGregor)
EPs „Margie Ruskie stops Time“ (1996), „Girls on Dates“ (1999)
ALBEN: „10 Million Hours a Mile“ (1997), „Binet-Simon Test“ (1998)
BUCH: „Zehn Wahrheiten“ (2008)
FILME: „Du und ich und alle, die wir kennen“ (2005), „The Future“

Miranda July: Mein lebhaftes Selbst • Listening

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