Minitopia: Autark ist stark!

Hamburg übt Autarkie! Mit ihrem Selbstversorgerprojekt Minitopia in Hamburg Wilhelmsburg wollen Stefanie Engelbrecht und Katrin Schäfer das urbane Leben revolutionieren. Der Weg dahin: dornig!

Auf dem Bahndamm rattern die Züge vorbei, nebenan reckt das Hotel Wilhelmsburger Hof sein in die Jahre gekommenes lindgrünes Türmchen in den Himmel. Gegenüber grasen Pferde. In dieser kulturellen Einöde entwickelt sich auf einem alten Werkstattgelände das urbane Leben der Zukunft. Jedenfalls, wenn man Stefanie Engelbrecht und Katrin Schäfer fragt. Die beiden haben auf dem zugewucherten Gelände am äußersten Rand des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg eine kleine Oase der Freiheit und der Selbstbestimmung erschaffen. Minitopia nennt sich das, und der Name ist Programm: „Wir haben die Vision, dass Autarkie auch in der Stadt funktioniert“, erklärt Stefanie Engelbrecht. „Dass wir uns wieder mehr lokal selbst versorgen, kleinere Gemeinschaften bilden und alles wieder so weit wie möglich dezentralisieren.“

 

Utopische Traumtänzerei ganz bodenständig

 

Was sich angesichts der fortschreitenden Globalisierung anhören mag wie Traumtänzereien, wird in Minitopia ganz bodenständig und im Kleinen umgesetzt. Mit Muskelkraft, Gemeinschaftssinn und auch mal chaotischer Experimentierfreude: Viele Freiwillige räumten das verwilderte Freigelände der ehemaligen LKW-Werkstatt von Brombeerhecken, Gerümpel und Metallschrott bis hin zum rostigen Gabelstapler und legten eine Insektenwiese, ein Klettergelände für Kinder und selbst gebaute Hochbeete an. Die große Werkhalle bietet sowohl Raum für Kinoabende wie für Werkbänke, die ein paar Mädchen aus Paletten zusammengezimmert haben, im kleinen Atelier nebenan steht ein massiver Basteltisch voller Farbkleckse, darüber hängen Eulen aus Klopapierrollen, die Kinder aus der Nachbarschaft gebastelt haben.

 

Die Minitopia-Gründerinnen Katrin Schäfer und Stefanie Engelbrecht Die Minitopia-Gründerinnen Katrin Schäfer und Stefanie Engelbrecht, Foto: Pia Pritzel

Das Herz Minitopias schlägt in der Lounge, auf gespendeten Sofas und am selbstgebauten Tresen mit den Hockern aus Autoreifen. Hier wird diskutiert, geplant und gelernt – jeder, der hier mitmacht, soll sich einbringen, soll sein Wissen weitergeben, soll Teil der Mini-Utopie werden. Gründergeist liegt in der Luft.
Vor einem Jahr haben Stefanie und Katrin das Gelände gemietet. Stefanies berufliche Wurzeln liegen im Stadtentwicklungsbereich, Katrin ist auf Nachhaltigkeit spezialisiert. Mit dem Verein Alternation e.V. dokumentieren die beiden schon seit 2012 weltweit vergleichbare Communityprojekte, doch nun war die Zeit reif für eine reale Anlaufstelle in ihrer Heimat.

 

Sich vernetzen, Dinge aus dem Nichts erschaffen, Bio-Gemüse kaufen oder einfach nur mitwurschteln

 

„Nur Vernetzen und Blogs lesen reicht nicht. Man braucht einen Ort, wo man hinkommen kann“, findet Stefanie. Wo man aufgezeigt bekommt, wie man mit Nichts etwas erschaffen kann. Aus den Materialien vor Ort, aus Spenden und aus Dingen, die andere Leute als Müll bezeichnen würden. Mit den Kindern und Jugendlichen klappt die Interaktion schon gut, nun stellt sich Stefanie die Frage: „Wie erreiche ich die Eltern der Kids, die vielleicht im Hochhaus sitzen und ganz andere Sorgen haben? Die Leute, die wenig finanzielle Möglichkeiten haben, aber trotzdem gut essen möchten.“ Ein Schritt in diese Richtung wird die Solidarische Landwirtschaft, kurz SoLaWi, sein, die in diesem Sommer startet. Die Mitglieder finanzieren das Saatgut und die Bewirtschaftung eines Biohofs in der Nordheide, die Ernte wird dann solidarisch aufgeteilt, so dass jeder wöchentlich frisches Bio-Gemüse bekommt. Noch bis Mitte März kann man sich hierfür anmelden.

Wer einfach nur so bei Minitopia mitwurschteln will, kann jedes Wochenende vorbeischauen. Und für Leute von außerhalb gibt es auf dem Blog Baupläne, DIY-Videos und Anleitungen, um vielleicht auch bei sich vor Ort etwas zu verändern. Das wäre der Wunschtraum von Katrin und Stefanie: Minitopias überall in den Städten. Und kreativere Lösungen für urbane Selbstversorgung. „Eigentlich müsste man auf jedem der Flachdächer in der Hamburger Hafencity einen Garten samt Gewächshaus für Salate und Kräuter errichten, das wäre gar kein Problem“, findet Stefanie. Das wäre noch kein Weg aus der Globalisierung, aber allemal ein Schritt Richtung Selbststimmung.

 

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