Bat For Lashes: Im eigenen Film

Interview Jonah Lara

Auf dem neuen Album von Bat For Lashes kehrt Natasha Khan zu ihrer alten Form zurück. Und daran ist Hollywood nicht ganz unbeteiligt.

kulturnews: Natasha, du spielst bei Bat For Lashes wieder unglaublich viele Instrumente selbst. Gibt es auf „Lost Girls“ eine Premiere?

Natasha Khan: Ich habe für „Lost Girls“ kein neues Instrument gelernt, aber mich dafür viel intensiver mit dem Mixing und der Produktion auseinandergesetzt. Für Songs wie „The Hunger“ ging das mit den vielschichtigen Beats ziemlich tief. Da ist Aufmarksamkeit fürs Detail gefragt, das hat mir sehr viel Spaß gemacht hat.

kulturnews: Nach „Two Suns“ und „The Bride“ ist „Lost Girls“ dein drittes Konzeptalbum – ist es so thematisch durchstrukturiert wie „The Bride“?

Natasha Khan: Beide Alben erzählen eine Geschichte, aber „The Bride“ hatte von Anfang an eine klare Struktur. Ich wusste, wo es hingehen soll. Es gab eine Idee, und ich habe die Songs dann in einer linearen Reihenfolge geschrieben, wie einzelne Kapitel. „Lost Girls“ ist mehr wie der Soundtrack zu einem Film: Einige Stücke sind instrumentell, andere könnten Popsongs sein, die in einer Szene im Radio laufen.

kulturnews: „Lost Girls“ klingt auch sehr cineastisch. Hast du mit diesem Gefühl angefangen, und die Geschichte dazu kam erst später?

Natasha Khan: Ich habe tatsächlich mit der Geschichte begonnen. Ich wollte mich mehr auf Soundtrack- und Filmarbeiten konzentrieren und bin dafür nach L.A. gezogen. Dort habe ich viel gemalt, geschrieben und die Landschaft erkundet: Das floss alles in die Geschichte von „Lost Girls“ ein. Dann habe ich Charles (Scott, Produzent von „Lost Girls“ Anm. d. Red.) getroffen, und mit ihm an dem Soundtrack zu einer Stephen-King-Serie gearbeitet. Angedacht war ein Soundtrack, der wie aus den 80ern klingen sollte. So entstand dann „Kids in the Dark“ – an einem Tag. Dann haben wir einfach weitergemacht und die Geschichte lief die ganze Zeit im Hintergrund.

kulturnews: „Kids in the Dark“ klingt nicht nach etwas, das man mal eben an einem Tag schreibt …

Natasha Khan: Ja, das ist wohl so etwas wie ein Glücksfall gewesen. (lacht) Wir haben noch ein bisschen was hinzugefügt, aber der Kern war direkt fertig.

kulturnews: Wir haben jetzt schon viel über Geschichten und das Cineastische auf „Lost Girls“ gesprochen: Wieso ist dir ein erzählerischer Rahmen so wichtig für Bat For Lashes?

Natasha Khan: Es muss nicht unbedingt ein festes Narrativ sein. Aber ich verstehe mich schon als Geschichtenerzählerin: Ich stelle mir einen Ort vor, ein Setting. Die Farben, die Menschen, die anwesend sind – das Feeling des Albums. Da ist immer ein Ort oder eine Geschichte. Ein Narrativ zu haben bedeutet für mich Kohäsion und Struktur, und in dieser Struktur lassen sich Motive und Figuren erkunden. Ich finde nicht, dass so eine Struktur irgendetwas abbindet.

kulturnews: Wo du Figuren ansprichst: Da muss ich an eine Zeile aus „So good“ denken. „He plays the Hunter, and I play the Kill“…

Natasha Khan: Das ist ein Beispiel für einen Song, den ich als Popsong im Soundtrack des Films verstehe. „So good“ handelt davon, wie sich Machtdynamiken in Beziehungen verändern. Es ist leicht, sich in Beziehungen ausgeliefert oder machtlos zu fühlen. Die Geschichte zu „Lost Girls“ beginnt mit Nikki Pink, die auf der Jagd nach den lost girls ist, aber diese Dynamik schlägt dann schnell um. Was wir fürchten und was andere in uns fürchten – da sind Gegensätze, aber da ist auch eine Anziehungskraft, die diese Gegensätze zusammenbringt. Also stelle ich mir die Frage danach, was diese Anziehungskraft ist, und wie sich die Beziehung zwischen Jäger*in und Gejagten verändern kann.

kulturnews: Gegensätze gibt es auch an anderen Stellen auf „Lost Girls“. In „Jasmine“ zum Beispiel: „The Hands of a killer, the heart of a little girl“…

Natasha Khan: Ja, „Jasmine“ handelt auch von diesen Gegensätzen. Der Song ist wie ein Mikrokosmos des Albums: Wie etwas so Unschuldiges gleichzeitig so dunkel sein kann, und dass es das eine nicht ohne das andere geben kann. Wenn Nikki von den lost girls entführt und Teil ihrer Gang wird, findet sie quasi einen Teil von sich wieder, den sie bisher verleugnet hat. Das ist auch politisch, finde ich: Wenn wir die Trennung zwischen gut und schlecht so radikal ziehen, wenn wir Teile von uns als Gesellschaft verleugnen und ausstoßen, zeigen wir den Finger auf etwas anderes und sehen darin das Schlechte, das Falsche. „Lost Girls“ soll diese Idee als Fabel oder als Märchen verarbeiten: Wie man von etwas gejagt wird, weil man es verleugnet – und wie man sich verändert, wenn man es akzeptiert. Macht es einen stärker, vervollständigt es einen?

kulturnews: War dieser politischer Teil von Anfang an Teil des Prozesses, oder sind dir die politischen Untertöne erst später klar geworden?

Natasha Khan: Das Politische war von Anfang an da, dieses Guerilla-Punk-Gang-Ding. Das nahm seinen Anfang, als ich nach L.A. gezogen bin und die Thematik der mexikanischen Grenze auf einmal sehr präsent war – wie Menschen von ihren Familien getrennt wurden, und die ganze Debatte um diese verdammte Mauer. Das passiert grade an so vielen Orten in Amerika, und ich habe mir diese Gruppe vorgestellt, die lost girls, die nirgendwo mehr hingehören. Für mich steckt in diesem Bild ganz tief drin, wie viel wir verlieren, wenn wir Teile unserer Gesellschaft ausschließen.

kulturnews: Hat die Geschichte der lost girls für dich auch etwas Feministisches?

Natasha Khan: Ich finde das nicht notwendigerweise feministisch; zumindest war es nicht meine erklärte Absicht. Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich mir vielleicht eine Gruppe kleiner Jungs vorgestellt. Es geht mir nicht in diesem Sinne um Identitäten. „Lost Girls“ handelt eher von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die wie eine Familie funktioniert, aber auch davon, sich selbst zu finden. Die lost girls sind fast schon so etwas wie ein Teil von mir, den ich verloren habe und jetzt zurückholen will. Also egal, wer ich bin oder wer ihr seid: Jeder kann seine Gang finden, seine lost girls oder lost boys. Das ist eine Gesellschaft, die niemanden ausstößt.

kulturnews: Wo wir von Teilen von dir sprechen: Sind Nikki Pink, the Bride oder Pearl aus „Two Suns“ voneinander beeinflusst worden?

Natasha Khan: Sie haben sich nicht bewusst beeinflusst, sondern kamen ziemlich vollständig bei mir an. Diese Charaktere sind glamourösere Versionen von mir unter anderen Namen, mit denen ich an Ideen arbeiten kann oder persönliche Krisen verarbeite. Mir gefällt es sehr, so zu arbeiten, weil ich hinter einer überhöhten, aufregenderen Version von mir verschwinde. Aber ich denke, dass ich, wenn ich als alte Frau auf diese Charaktere zurückblicke, eine Entwicklung feststellen werde. So wie dieses Evolutions-Schaubild: vom Affen zum Menschen (lacht).

kulturnews: Du arbeitest ja auch viel in visuellen Medien: Modedesign und Film zum Beispiel, kommt daher dieser Anteil in deiner Musik?

Natasha Khan: Für mich sind diese Medien zunächst erst mal verschiedene Wege, etwas auszudrücken oder zu erkunden. Ich habe in den letzten zwei Jahren viel gemalt, bin spazieren gegangen und habe die Landschaft von L.A. entdeckt. Ich habe auch zwei Kurzfilme gemacht. Als es dann daran ging, ein Video zu „Kids in the Dark“ zu drehen, hatte ich plötzlich diesen Fundus an Sachen, auf die ich zurückgreifen konnte. Die T-Shirts in dem Video haben wir zum Beispiel mit meinen Zeichnungen bedruckt. Zu dem Zeitpunkt, an dem das meiste entstand, wusste ich noch gar nicht, wofür ich es irgendwann mal benutze, und dann ist es plötzlich da – das ist ganz praktisch. (lacht)

kulturnews: Denkst du auch darüber nach, wie die Welten und die Figuren, die du als Bat For Lashes erschaffst, auf deine Fans wirken? Stichwort David Bowie: Man kann ja hervorragend über Lieblings-„Bowies“ diskutieren …

Natasha Khan: Ich denke wirklich gar nicht darüber nach, wie das alles ankommt – bis die Plattenfirma sich bei mir meldet, damit ich Sachen auf Instagram poste. Dann denke ich mir plötzlich: Oh, werden die das mögen? (lacht). Für mich funktioniert das alles sehr unterbewusst, und ich vergesse schnell, dass das, was ich da mache, irgendwann raus in die Welt muss. Nikki entstand zum Beispiel einfach so während der Aufnahmen – wir haben einfach das gemacht, was wir sonst auch gemacht hätten. Wir sind zum Beispiel zu Horror- und UFO-Conventions gegangen. Wenn man sich Charaktere wie Ziggy Stardust von außen anguckt, denkt man zwangsläufig: Wow, ich wette, dabei hat er sich richtig was gedacht. Aber ich glaube, David Bowie hat das auch einfach so gelebt. Für mich ist das mittlerweile eine natürliche Art und Weise, etwas auszudrücken – ich kann tiefer gehen und etwas Mysteriöses erkunden, wenn ich mir einen Charakter vorstelle.

kulturnews: Eine Frage in eigener Sache: Ist „Feel for You“ eine Hommage an den Chaka-Khan-Song „I feel for you“?

Natasha Khan: Ich liebe diesen Song! (lacht) Das ist echt witzig: Ich habe nicht bewusst versucht, auf Chaka Khan Bezug zu nehmen. Wir haben im Studio viel getanzt und gesungen, und irgendwann kam einfach „I feel for you“ aus mir raus. Das war großartig! „I feel for you“ ist eins meiner absoluten Lieblingslieder, und ich habe zuerst gar nicht gemerkt, dass ich das gemacht habe. Im Nachhinein ist es aber ganz klar ein Verweis an die Zeit, in der ich mit meiner Mutter in der Küche getanzt habe und wir zusammen im Auto gesungen haben. Der Song ist einfach so tief in meinem Unterbewusstsein festgesetzt, dass diese unfreiwillige Hommage rausgekommen ist, als ich mir vorgenommen habe, einen dynamischen Popsong zu machen (lacht).

„Lost Girls“ erscheint am 6. September. Das Album könnt ihr bei Amazon vorbestellen.

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