Unvollkommen schön: G Flips Debüt „About us“

Interview Stefan Grüll

Die Australierin G-Flip erzählt mit ihrem ersten Album „About us“ eine Geschichte des Scheiterns und der Hoffnung – und verhandelt dabei auch die Grenzen des Pop.

Georgia, mit deinem Album „About us“ erzählst du die Geschichte einer recht krisengeplagten Beziehung. Kannst du mir etwas über den groben Handlungsrahmen erzählen?

G Flip: Für mich ist der erste Song „Lover“ wie der Beginn eines Theaterstücks. Der Song gibt einen Ausblick darauf, was im weiteren Verlauf der Geschichte von „About us“ passieren wird. Es ist ein bisschen wie im Vorwort von einem Shakespeare-Stück. Ohne dass die ganze Geschichte erzählt wird, gibt es viele Anspielungen auf die verschiedenen Themen, die auf dem Album eine Rolle spielen. Ich werde verlassen, komme wieder mit dieser Person zusammen und werde dann doch wieder verlassen. Wenn du der Geschichte bis zum Ende folgst, kommst du zu „About you“ und „2 Million“. In diesen Songs keimt die Beziehung erneut auf, und der letzte Song erzählt von der Zukunft, unseren Hoffnungen und dem, was eventuell noch kommen könnte.

Gibt es für dich einen Höhepunkt in dieser Geschichte?

G Flip: Für mich ist „About you“ der Höhepunkt des Albums. In der Bridge des Songs singe ich „Let me go or give me one last chance“. Das ganze Album über ist die Beziehung von Unsicherheit geprägt und in der Bridge von „About you“ stellt sich ganz konkret die Frage, ob die Beziehung weitergehen soll oder ob es besser ist, es sein zu lassen. Dann setzt dieses massive Drum-Fill ein, das den letzten Refrain einleitet. Dieser Refrain hat etwas sehr Hochtrabendes. Für mich spiegelt das die Freude darüber wider, dass wir uns wieder vereinen und es schaffen, uns noch mal neu zusammenzuraufen.

Du hast deinen ersten Song „About you“ vollständig in deinem Schlafzimmer produziert. Ist dein Album auch bei dir zu Hause entstanden?

G Flip: Tatsächlich kommen etwa zwei Drittel der Songs von meinem Album aus meinem Schlafzimmer. Einige Songs sind komplett da entstanden, andere nur zum Teil. Häufig habe ich die Songs noch mal mit meinem Produzenten überarbeitet. Wir haben die Stücke analysiert und überlegt, welche Teile der Songs sich noch verbessern lassen. Anstelle von computergenerierten Pianosounds, die ich zu Hause aufgenommen habe, habe ich dann zum Beispiel auf einem richtigen Flügel gespielt. Es gibt aber auch drei Stücke auf dem Album, die ich gerne als magic Songsbezeichne. Das sind Songs, die innerhalb weniger Stunden entstanden sind. Ich habe die richtige Person getroffen, mich inspiriert gefühlt und drauf los geschrieben.

Glaubst du, dass sich in dieser Hinsicht die Grenze zwischen Amateuren und Profis verschoben hat?

G Flip: So viele Menschen machen großartige Musik in ihrem Schlafzimmer. Ich glaube nicht, dass sich heute noch eine Grenze zwischen Amateuren und Profis ziehen lässt. Es ist nicht mehr unbedingt notwendig, in einem teuren Studio zu arbeiten oder hochklassiges Equipment zu benutzen. Ich hatte keine Gesangskabine und ein billiges Mikrofon, das 50 Dollar in einem Second-Hand-Shop gekostet hat. In einem Studio wäre mein Equipment niemals benutzt worden. Ich habe das Gefühl, dass es aktuell keine Regeln mehr gibt, wenn du einen Song aufnehmen willst. Du kannst den Gesang mit deinem Smartphone aufnehmen, den richtigen EQ und Kompressor drüber legen und es wird super klingen. Es ist fast so, als wären die Chancen, heute Musik aufzunehmen, viel gleichmäßiger verteilt.

Würdest du denn sagen, dass die Umgebung, in der du einen Song aufnimmst, auch einen Einfluss auf das Ergebnis hat?

G Flip: Wenn ich Drums spiele, will ich normalerweise nicht auf dem hochwertigsten Schlagzeug in einem absolut schalldichten Top-Studio spielen. Das klingt für mich nicht authentisch. Es hört sich falsch an. Ich mag es, wenn Sounds nicht so auf Hochglanz poliert sind und fühle mich wohler, wenn ich nicht in superschicken Studios arbeiten muss, sondern eher an Orten, die sich nach zu Hause anfühlen.

Diesen Aspekt des Imperfekten scheinst du auch auf deinem Album zu thematisieren, wenn du über deine Schwächen singst.

G Flip: Ich finde, dass Unvollkommenheit etwas Schönes ist. Viele Menschen können sie nicht annehmen, finden sie seltsam, hässlich, eklig oder schlichtweg nicht richtig. Ich habe das Gefühl, dass ich als Künstlerin genau das verkörpere. Ich bin nicht umwerfend schön, zumindest nicht in dem Sinne, dass ich das perfekte Gesicht habe, Make-up oder freizügige Kleidung trage. Viele Popstars werden in dieser Hinsicht objektiviert und sexualisiert. Ich habe das Gefühl, dass ich das Gegenteil davon bin. Ich nehme meine Schwächen an und zeige meine Unsicherheit und meine Verletzlichkeit in meinen Songs.

Ich glaube aber, dass sich da auch in der Industrie gerade viel ändert. Künstlerinnen und Künstler sagen Dinge, die sie früher nicht gesagt hätten, tragen Kleidung, die sie früher nicht getragen hätten oder haben Tattoos im Gesicht. Es wird immer mehr akzeptiert, Seiten von sich zu zeigen, die nicht unbedingt mit dem Bild des perfekten Popstars übereinstimmen. Das ist auch eine der Sachen, die in der aktuellen Musik so spannend sind. Ich bin stolz, ein Teil davon zu sein.

„About us“ ist am 30. 8. erschienen. Hier könnt ihr das Album bei Amazon bestellen.

Unvollkommen schön: G Flips Debüt „About us“ • Listening

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