Die Party geht weiter

Das Berliner Trio Grossstadtgeflüster freut sich über die späte Anerkennung. Doch es kommt auch vor, dass sie mit ihrer Feierlaune auflaufen.

Kürzlich in Wien spielten Jen Bender, Raphael Schalz und Chriz Falk als Vorband der spektakulären Scooter, und man kann festhalten: Auf dem Papier hätte das gepasst. Denn was Eskalation im weiten Feld zwischen Elektropop und Elektropunk angeht, spielt das Berliner Trio Grossstadtgeflüster, dessen Gründung immerhin schon 16 Jahre zurück liegt, inzwischen weit oben mit. „In Hamburg hätte die Kombi funktioniert wie eine Eins“, mutmaßt Frontfrau Bender (39), „aber das Wiener Scooter-Publikum war sehr alteingesessen, und während wir uns abgerackert haben, standen die Leute selbst in der ersten Reihe stoisch und stillschweigend da.“

So viel Desinteresse sind die drei schlicht nicht gewöhnt, erst recht nicht seit der furiosen Leckt-mich-doch-alle-Hymne namens „Fickt-Euch-Allee“, diesem meterweit ausgestreckten Mittelfinger von einem Song, mit dem sich die Band nach Jahren im Indie-Untergrund plötzlich sogar in den Charts wiederfand – wenn auch lediglich in den österreichischen. „Mit dem Gefühl des Trotzes, das in ,Fickt-Euch-Allee’, aber auch in vielen unserer anderen Songs zum Ausdruck kommt, haben wir einen Nerv getroffen. Aber dass uns das Lied einen zweiten Frühling beschert, damit hätten wir nicht gerechnet“, kommentiert Bender. Also nehmen sie die Party mit, wenn auch nicht um jeden Preis: Das neue Album „Trips und Ticks“, es ist die erste Scheibe von Grossstadtgeflüster seit sechs Jahren, beginnt mit der klaren Ansage „Feierabend“, an deren Ende sogar die Fanfaren ertönen. „Meistens meide ich an zwei Tagen pro Woche alle beruflichen Dinge, indem ich Serien gucke, Bücher lese oder die Stadt verlasse und einen Baum umarme“, sagt sie.

 

Trotzdem sind Exzess und Eskalation weiterhin Schlüsselbegriffe im Treiben von Grossstadtgeflüster. In „Neue Freunde“ sieht sich Bender nach neuen Kumpanen um, weil sie mit den alten ständig versackt. „Mit jedem Lebensjahr dauert der Kater unweigerlich einen Tag länger“, gesteht sie zähneknirschend ein. „Das was Peter Pan sagt“, ein Duett mit Danger Dan von der Antilopen Gang, ist eine wohlwollend-kritische Betrachtung der eigenen Dauer-Adoleszenz. „Manche stylen ihr Leben mit 20 durch und wissen, wo sie mit 30, 40 und 50. stehen wollen. Und dann tun sie das auch. Ich dagegen bin ein Mensch, der die Erwartungen an sich selbst lieber unterläuft oder erst gar keine hat. Der Vorteil ist, wenn du die Arme verschränkst und sagst, du wirst eh nicht erwachsen, dann musst du dich nicht mit deiner eigenen Endlichkeit auseinandersetzen.“

Dieser Frage stellt sich die Band dann aber doch. Der Song „Skalitzer Strasse“ ist eine Mischung aus Kritik an der Ich-zuerst-Gesellschaft und einer der Realität sehr nahe kommenden Zustandsbeschreibung auf besagter Mehrspurstrasse durch Kreuzberg. Hier hört man zwei der besten Zeilen des Albums: „Ich bin zwar tot, aber ich hatte Vorfahrt“ und „Es gibt so viele Menschen, ich kann nicht für alle bremsen.“ Noch prägnanter bringt es Bender mit ihrem Kommentar auf den Punkt: „Wir glauben an gegenseitige Rücksichtnahme und das Reißverschlussprinzip. Aber blöderweise funktioniert das nicht, weil sich alle immer irgendwo reinquetschen wollen.“

Steffen Rüth

Trips & Ticks erscheint am 16. August. Das Album könnt ihr hier auf Amazon bestellen.

FESTIVALS

14. 9. Bogaloo Open Air, Pfarrkirchen

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