Einfache Worte für komplizierte Gefühle

Für Whitney war es gar nicht so leicht, einen Nachfolger für das gefeierte Debüt aufzunehmen. Doch Julien Ehrlich und Max Kakacek sind für „Forever turned around“ einfach noch näher zusammengerückt.

Max, Julien, müssen wir über die klassischen Probleme bei einer zweiten Platte sprechen?

Max Kakacek: Julien und ich sind schon sehr lange befreundet, aber mit der Gründung von Whitney hat sich unsere Beziehung intensiviert. Bei der ersten Platte haben wir uns mit jeder Idee gegenseitig überrascht, aber inzwischen kennen wir uns einfach zu gut. Es war harte Arbeit, wieder an Punkte zu kommen, an denen man den anderen schockieren kann. Wir waren jahrelang zusammen auf Tour, und plötzlich ging es darum, die bewährten Strukturen aufzubrechen und der Routine zu entsagen. Das hat schon eine Weile gedauert.

Das ist ja aber auch eine gute Ausgangslage, um nicht zu nah am Debüt zu bleiben und sich einfach nur zu wiederholen.

Kakacek: Genau. Wir haben nie befürchtet, dass wir uns zu weit vom Sound der ersten Platte entfernen. Allein durch Juliens Gesang ist der Wiedererkennungseffekt ja schon gegeben. Aber gerade was die Texte angeht, gab es für uns auch noch Luft nach oben. Natürlich hatten wir auf dem Debüt sehr persönliche Songs, doch es gibt auch Stücke, bei denen wir Möglichkeiten verschenkt haben. Wir wollten ein zweites Album, bei dem jeder Song eine für uns gehaltvolle Aussage trifft.

Gab es vorab auch musikalische Richtungsvorgaben? „Forever turned around“ ist ja üppiger arrangiert, und wenn der Ausgangspunkt bei „Light upon the Lake“ eher bei den 60ern lag, verschiebt ihr jetzt den Fokus in Richtung Soul der 70er.

Julien Ehrlich: Wir haben unfassbar viel diskutiert, aber dabei ging es eigentlich immer um Details. Ein großer Masterplan funktioniert für unsere Arbeitsweise nicht. Ich glaube nicht, dass es gut gegangen wäre, wenn wir uns von Vornherein vorgenommen hätten, maximalistischer zu arbeiten. Ich mag es, wenn uns selbst erst im Aufnahmeprozess bewusst wird, was da eigentlich gerade entsteht.

Ihr habt erneut mit Jonathan Rado gearbeitet, aber mit Bradley Cook war auch ein weiterer Produzent beteiligt.

Kakacek: Mit Rado sind wir ein eingespieltes Team, und nach der ersten Platte hatten wir Lust, mit ihm noch weitere Dinge auszuprobieren. Aber wir wollten auch jemanden, der von außen kommt, und Bradley Cook hat dem Album dann auch viele entscheidende Impulse gegeben.

Songwriting findet bei euch im Team statt. Lassen sich die einzelnen Stücke trotzdem als Max- oder als Julien-Song identifizieren, je nachdem, wer die grundlegende Idee beigesteuert hast?

Ehrlich: Die Ausgangsidee ist nicht entscheidend, da sie zwischen uns so oft hin und her geht und wir ganz viele Dinge verfeinern oder auch grundlegend verändern. Wie schrecklich wäre es, wenn ich in Max jemanden sehen würde, der sich an meinen Kompositionen vergeht? Es wäre der Anfang vom Ende, wenn wir uns gegenseitig als Konkurrenten sehen würden.

Kakacek: Um uns weiterzuentwickeln, ging es bei dieser Platte mehr als zuvor darum, auf eine Art und Weise zu reagieren, die der andere vielleicht nicht bereits ahnt. Das hat interessante Schneeballeffekte in Gang gesetzt.

Ehrlich: Bei den Texten ist es ja auch so, dass wir uns beide mit ihnen identifizieren, sie mitunter aber ganz individuell mit Sinn füllen.

Obwohl ihr mit ganz einfacher Sprache arbeitet, bekommt ihr diese herzerweichenden Texte hin. Lest ihr viel, oder wie schafft ihr es, dass eure Lyrics eben nicht banal oder auch kitschig rüberkommen?

Ehrlich: Ich bin sehr stolz darauf, dass es uns mit „Forever turned around“ gelungen ist, einfache Worte für komplizierte Gefühle zu finden. Es war mitunter schon ein ziemlicher Kampf, die Wörter auf die Melodien abzustimmen. Wenn man mit einem Song eine Geschichte erzählen will, sollte man sich auch nicht zu sehr auf die Sprache verlassen. Uns war es wichtig, mit nur wenigen Wörtern einen Raum zu öffnen. Tatsächlich kam mir aber auch schon der Gedanke, dass das leichter wäre, wenn ich mehr lesen würde. Vielleicht verordne ich mir vor Album Nummer drei ein Buch pro Woche.

Witzigerweise sorgen bei Konzerten ja eure fröhlichen Melodien mitunter dafür, dass extrem düstere Songs frenetisch gefeiert werden.

Kakacek: Es hilft dabei, einen Trennungssong wie „Golden Days“ hinter sich zu lassen. Wenn der Song wie eine Sommerhymne gefeiert wird, ändert sich auch für uns seine Bedeutung.

Ehrlich: Es ist zumindest ein Angebot, wenn ich das Gefühl habe, den Trennungsmodus gerade nicht aushalten zu können. Ich muss nicht dahin zurück.

Mit „Giving up“ sprecht ihr euch jetzt ja auch für Beziehungsarbeit aus.

Ehrlich: Ein schreckliches Wort, aber ich glaube, dass es unumgänglich ist. Wenn die Phase des ersten Verliebtseins vorbei ist, bewegt man sich ja selten auf demselben Level wie der Partner. Es gibt eine grundsätzliche Übereinkunft, bei der mal der eine, mal der andere mehr investiert.

In „Used to be lonely“ lässt sich aber durchaus auch ein Freiheitsgedanke finden, der einer Beziehung nicht unbedingt zuarbeitet.

Ehrlich: Eine interessante Interpretation, auf die ich niemals gekommen wäre. Wir leben beide in einer sehr festen Beziehungsstruktur, und als Folie für den Song dient eher das Nomadenleben auf Tour. Es ist eine radikale Liebeserklärung, weil es dieses Gefühl der Isolation gibt, wenn wir unterwegs sind. Die Parameter haben sich verschoben.

In einer Band zu spielen, war das für euch früher ein Weg, sich nicht festlegen und erwachsen werden zu müssen?

Ehrlich: Bei der Tour zum Debüt war das definitiv eine Zeitlang so. Aber schon ein halbes Jahr vor Tourende habe ich gemerkt, dass ich definitiv dazu bereit bin und es mir auch wichtig ist, einen Anker zu setzen. Mitski hat das neulich gesagt, als sie ihre letzte Show in New York angekündigt hat: Es wird Zeit, dass ich wieder ein Mensch werde. Wenn man langfristig Musik machen will, ist es extrem wichtig, auch ein Leben außerhalb der Musik zu haben.

In den kommenden zwei Jahren werdet ihr vermutlich nicht sehr viele Tage daheim in Chicago verbringen, oder?

Ehrlich: Stimmt, aber wir achten jetzt schon sehr darauf, zwischendurch auch immer wieder eine kleine Auszeit einzulegen. Bei der Tour zu „Light upon the Lake“ haben wir es ein bisschen übertrieben. Es sind vielleicht nur vier oder fünf von den insgesamt 365 Shows, aber an diesen Abenden waren wir so seltsam drauf, dass wir im Nachhinein besser nicht auf die Bühne gegangen wären.

Mit „Day & Night“ habt ihr ja jetzt auch wieder einen Song, der durch die Publikumsreaktionen vielleicht ein bisschen aufgehellt werden muss.

Kakacek: Hier war es uns auch ganz wichtig, musikalisch gegen den Text zu arbeiten, der sich ja mit dem Tod auseinandersetzt. Das sind ja schon Gedanken, die sich als Partykiller sehr gut machen.

Ist „Friend of mine“ für euch denn eher ein positiver oder ein negativer Song?

Ehrlich: Wie ist es für dich?

Einerseits ist es bitter, wenn man sich auseinanderlebt. Andererseits scheint der Text seinen Frieden mit dem Verlust einer Freundschaft zu machen, weil es diese guten Erinnerungen an die gemeinsame Zeit gibt.

Ehrlich: Mir war es wichtig, dass „Friend of mine“ mit triumphierenden Noten endet, weil der Text aus Schmerz und Enttäuschung entstanden ist. Bei diesem Song wäre ich sehr froh, wenn sich im Laufe der Zeit die Parameter verschieben.

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