FKA twigs erreicht mit „Magdalene“ ihren frühen Zenit

Mit ihrem Debütalbum „LP1“ hat FKA twigs den Sound dieses Jahrzehnts entscheidend mitgeprägt. Auf den Nachfolger konnte es trotzdem nicht vorbereiten.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Zumindest, wenn es um den Abstand vom ersten zum zweiten Album geht – und erst recht, wenn das Debüt eine solche Durchschlagkraft hatte wie „LP1“, auf dem Tahliah Barnett alias FKA twigs dem R’n’B seinen Weg in die Zukunft geebnet hat, mal skelettiert, mal maximalistisch, mal glasklar, mal zerschossen. Abseits der Single „Holy Terrain“ mit Trap-Superstar Future kommt man beim langersehnten Nachfolger „Magdalene“ mit Labels nicht mehr weit: Die neun Stücke des Albums sind mindestens so sehr Kunstlieder wie Popsongs, vor allem existieren sie in einem geradezu hermetisch versiegelten Klang- und Emotionsraum, der sich jeglicher Vergleichsmöglichkeiten entzieht – würde es sich nicht erst um Barnetts zweites Album handeln, man wäre versucht, „Magdalene“ ihr Meisterwerk zu nennen.

In den vergangenen Jahren hat FKA twigs eine Krise durchlitten. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Körper einfach zu arbeiten aufhören könnte, bis zu dem Punkt, an dem ich nicht mehr dazu in der Lage bin, mich physisch auszudrücken“, beschreibt die 31-Jährige den Grad ihrer Versehrungen. Die Schutzpatronin ihres Heilungsprozesses hat die Künstlerin in Maria Magdalena gefunden: im Neuen Testament die Zeugin der Wiederauferstehung Jesu, später als Sünderin gebrandmarkt oder zur Symbolfigur für das bedingungslos Gute verklärt, als einzige weibliche Protagonistin eines eigenen Evangeliums in der feministischen Theologie vielfach interpretiert. Im Quasi-Titelsong „Mary Magdalene“, erst ein A-capella-Stück von fast barockem Ausmaß, dann außerweltlicher Pop, sucht FKA twigs zunächst Trost bei der Heiligen – „I kneel before the fire / true as Mary Magdalene / creature of desire / come just a little bit closer to me“ –, um daraus im zweiten Schritt eine Selbsttransformation abzuleiten: „I can lift you higher / I do it like Mary Magdalene.“ Manchmal steigt eine ihrer Stimmen – sie scheint mehrere zu haben – wie ein Phönix aus der Asche des zu verarbeitenden Leids hervor; und wo sie Kraft in der Fragilität findet, lässt FKA twigs neue Brüche entstehen, die sie mit Melodien und Hooklines repariert, die für derart fein ziselierte, komplexe Kompositionen eigentlich zu groß sind. Doch so verzweigt und vielförmig „Magdalene“ ist, am Ende steht ein großes, singuläres, in sich geschlossenes Werk, das Höhen erreicht, für die andere Künstler*innen ganze Karrieren brauchen. Man könnte Meisterwerk dazu sagen.

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