Stuttgart 21 – Wachmachender Krach

Interview Jonah Lara

Stuttgart 21 zieht sich seit Jahren dahin – Schorsch Kamerun berührt die Gigagrube aber immer noch. Ein Gespräch über „Motor City Super Stuttgart“.

kulturnews: Stuttgart 21 zieht sich seit Jahren dahin – ein Ende ist nach neuestem Stand auch nur mit 80%iger Wahrscheinlichkeit für 2022 angesetzt. Warum gerade jetzt dieses Stück? Und nicht etwa vor 7 Jahren?

Schorsch Kamerun: Weil wir in einer sich zuspitzenden Zeitenwende leben und diese Superstadtbaustelle weiterhin exemplarische Ausfechtung ist für Zusammenleben im Heute und in der Zukunft.

kulturnews: Hat dich vielleicht einfach die Baustelle als Bühne gereizt?

Schorsch Kamerun: Vielleicht auch. Aber ich springe mehr auf ihren riesigen, grell sichtbaren Widerspruch an, als auf die Möglichkeit der nächsten „besonderen Kunstaufführung“. Außerdem bin ich ein schlechter Katastrophentourist, weiß aber um dessen großer Begehrlichkeiten.

kulturnews: Hattest du Sorge, eine alte Wunde aufzureißen? Gerade mit dem Anspruch, Mut zu machen.

Schorsch Kamerun: Das bleibt nicht aus wenn man mit der Stadt spricht. Tatsächlich sitzen Spaltung und Verletzung tief. Trotzdem: Als Kunst machender Außenstehender darf ich „naiv“ drauf schauen und über Aussichten herum spinnen, auf die bitter Getrennte kaum noch kommen können, in ihren Kämpfen der harten Fakten.

kulturnews: Wenn man „Mut macht“, öffnet man sich für den Vorwurf des affirmativen: Ist es für dich schwierig, zwischen kritischer Kunst und einer positiven Botschaft zu manövrieren oder sind deine Gefühle bei Stuttgart 21 sehr klar verteilt?

Schorsch Kamerun: Unsere Arbeit darf nicht stellvertretend sein, sondern sollte abgelöst von vorhandenen Beweisführungen handeln. Wir wollen einen Vorschlag denken der nicht auf den bekannten Linien tanzt. Was ich bisher weiß ist, dass dieser mit radikaler Deutungsumkehr der vorhandenen Gigagrube zu tun haben könnte.

kulturnews: Der politische Diskurs wird immer grobmaschiger: Findest du es wichtig, ein so zähes und detailreiches Thema zu verarbeiten, statt etwas brisanterem mit mehr unmittelbarer ideologischer Strahlkraft?

Schorsch Kamerun: Also mich bewegt S-21 heftiger als das Meiste in seiner Gleichzeitigkeit aktueller Chancen und Probleme. Genau an solch physischen Auftritten mitten in einer hochpotenten Gemeinschaft muss sich entscheiden wie es weitergeht – oder vielleicht auch nicht. Und wenn tatsächlich nicht: Was machen wir jetzt und in Zukunft – im besten Fall – Sinnstiftendes daraus?

kulturnews: Gerade beim Thema direkter Demokratie muss man sich auch immer der Verantwortung der Bürger*innen bewußt sein, sich zu informieren: Klärt deine Kunst auch auf? Kann sie das überhaupt?

Schorsch Kamerun: Das ist eine grundsätzliche Frage an politische Kunst. Erstmal sind wir eine Untersuchung, dann sind wir der vielzitierte Spiegel und wenn es hoch kommt bieten wir ein Phantasma. Ich würde ja behaupten die Leute hier sind superaufgeklärt, aber kommen offenbar trotzdem zu unterschiedlichsten Ergebnissen. Wir wollen nicht belehren, zeigen aber Haltung, die Schlüsse zulässt, mit denen man dann anfangen kann, was man möchte. Wir haben natürlich den Vorteil am Ende nicht gewählt werden zu müssen wie zum Beispiel regierende Grüne die immer noch im Auto sitzen müssen…

kulturnews: Braucht die derzeitige Politik mehr positive Kunst? Ich habe das Gefühl, für viele Leute ist die dauernde Kritik sehr ermüdend.

Schorsch Kamerun: Ich finde, da gibt es nie Vorgaben die mehr oder weniger stimmen. Auch Protest, Wut, Ablehnung kann größte Schönheit haben. Unser letztes Projekt an der Berliner Volksbühne hieß „ein rettendes Requiem“ im Untertitel und in Stuttgart interessiert mich das „mutmachende“ in der Zerrissenheit. Auch darin müssen wir unbedingt einen Zauber finden, sonst hört uns niemand zu.

kulturnews: Ihr zieht ja bewusst den Vergleich zum „Detroit Techno City“-Sound. Wo kommen da die Stuttgarter Philharmoniker ins Spiel?

Schorsch Kamerun: Sie sind der Klang der eine – inhaltlich besondere – Auseinandersetzung transportieren soll. Wie bei guter Oper oder starker Filmmusik. Gerade in der Musik lassen sich Dystopien schaffen, die einen trotzdem cool abholen; in ein anderes Leben, Denken und Empfinden entführen – im besten Fall.

kulturnews: Außerdem sollen ja die Stuttgarter Bürger*innen selbst am Stück mitwirken. Ist das der Versuch, die direkte Demokratie wieder einzulösen?

Schorsch Kamerun: Ich finde eine reine Elfenbeinturm-Autorenschaft ist hier extra nicht angebracht. Ich wünsche mir schon eine Erzählung von Leuten, die sich auskennen und glaube an unbedingte Partizipation – gerade bei Stadt- und Mobilitätsthemen.

kulturnews: Das Stück verspricht auch den „vorherrschenden, dystopischen Apparatensound als reale Chance für gewinnträchtige Alleinstellung“. Wo siehst du die Möglichkeit, dass Stuttgart 21 nach so viel bösem Blut noch ein positives Ende nimmt?

Schorsch Kamerun: Im besten Fall hat Stuttgart einen Vorsprung im „Wagnis“. Erstmal egal ob als entsetzlicher Fehler oder kommende Chance für zukunftsweisende Umkehr. Ich will daran glauben, dass S- 21 ein wach machender Krach ist, der urbanes Miteinander neu justiert. Wie, das verraten wir ab dem 19. September direkt in der Bahnhofs-Baugrube, konkret hinter dem sich bis dahin noch drehenden Mercedesstern.

 

Motor City Super Stuttgart“ feiert am 19. 9. Premiere.

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