Ziemlich bekloppte Ideen

Carnival Youth haben viel bewegt: Noch vor ein paar Jahren hätten sogar sie selbst bei Indiepop aus Lettland die Nase gerümpft.

Emils, Edgars, Robert, welche Substanzen habt ihr eigentlich eingeworfen, als ihr euer neues Album aufgenommen habt?

Emils Kaupers: Ich verstehe diese Frage nicht. (lacht) Bei unserer ersten Platte wussten wir noch gar nicht so genau, was wir da eigentlich machen. Deswegen haben wir uns bei der zweiten wohl auch etwas zu angestrengt bemüht, uns als Musiker zu beweisen. Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir wirklich da angekommen sind, wo wir hinwollen – und das bedeutet eben auch, ziemlich bekloppten Ideen nachzugehen und sich einen gewissen Sarkasmus nicht zu verkneifen.

Ihr habt etwa auch den Text von „Phantom Planet“ bei klarem Verstand geschrieben?

Edgars Kaupers: Da haben wir den Ansatz verfolgt, unsere Ideen einfach rauszulassen und erst im zweiten Schritt zu fragen, was das eigentlich bedeuten soll.

Emils Kaupers: Der Text spielt mit Verschiebungen der Perspektive. Jeder Mensch trägt eine helle und auch eine dunkle Seite in sich. Ich finde es wichtig, mich mit den Abgründen zu beschäftigen, die in mir schlummern. Nur so kann ich sie im Zaum halten.

Robert Vanags: Solche Erkenntnisse haben wir aber eher „Twin Peaks“ als unserem Drogenkonsum zu verdanken.

Trotz oft haarsträubender Experimente landet ihr auf „Good Luck“ aber immer wieder bei eingängigen Popsongs.

Emils Kaupers: Spätestens seit Tame Impala lässt sich doch gar nicht mehr ausmachen, wo Indie endet und Pop beginnt.

Edgars Kaupers: Früher hat man die vermeintlich uncoolen Songs heimlich auf seinem Zimmer gehört, während sie heute von den angesehensten Musikern als Sample verwendet werden.

Ist es speziell der Situation in eurem Heimatland geschuldet, dass ihr euch mit „Boys do cry“ über tradionelle Geschlechterrollen lustig macht?

Edgars Kaupers: Tatsächlich ist Lettland in den Statistiken, bei denen es um gleiche Bezahlung von Frauen und Männern geht, ziemlich weit vorn. Es gibt noch extrem viel zu verbessern, aber zumindest haben wir bei uns viele Frauen in Führungspositionen.

Als gleichgeschlechtliches Paar überlege ich mir aber vielleicht schon, ob ich in Lettland Urlaub machen möchte.

Edgars Kaupers: Es gibt da schon noch Diskriminierung, und im Vergleich zu Deutschland hängen wir wie viele osteuropäische Länder ein paar Jahre in der Entwicklung hinterher. Trotzdem bin ich guter Hoffnung, dass wir schnell aufholen.

Lasst uns mal in der Zeit zurückreisen: Wie würden eure Teenie-Ichs aus den Anfangstagen der Band reagieren, wenn wir ihnen euer neues Album vorspielen?

Emils Kaupers: (lacht) Wir hätten damals ganz sicher keine Band gehört, die aus Lettland kommt. Anfangs hätte ich die Platte wohl nicht verstanden und beiseite gelegt, aber ich bin mir sicher, mit der Zeit hätte ich sie zu schätzen gelernt. So ist es mir auch mit Grizzly Bear und vielen anderen ergangen, die heute zu meinen Lieblingsbands zählen.

Interview: Carsten Schrader

 

Good Luck erscheint am 16. August. Das Album könnt ihr hier bei Amazon bestellen

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